Roadtrip in Deutschland: „Die B3 ist die deutsche Route 66“ - WELT (2024)

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Ein Kaugummiautomat nach dem anderen. Sie hängen – rot, rostig, zerkratzt – seit Jahrzehnten an den Hauswänden und Gartenzäunen. Einige von ihnen sind außer Betrieb, andere funktionstüchtig. Mit Münzeinwurf, Sichtfenster, Drehgriff und diesem etwas unhygienischen Klappfach, aus dem man Kaugummikugeln und anderen Krimskrams herausfriemelt. Strategisch klug platziert nahe Bushaltestellen, Schulwegen und Gaststätten entlang der Bundesstraße 3.

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Die „B3“ zieht sich gut 800 Kilometer von Nord nach Südwest, durch drei Bundesländer, von Buxtehude in Niedersachsen über Frankfurt in Hessen bis nach Weil am Rhein in Baden-Württemberg. Erst schnurgerade: durch die Lüneburger Heide und norddeutsche Tiefebene, oft von Alleebäumen gesäumt.

Weiter durch das kurvige Calenberger Land und Weserbergland, über Berg und Tal durch Nordhessen bis nach Frankfurt. Von dort schlängelt sie sich entlang der Weinberge und Burgen über Heidelberg und Freiburg ins Markgräflerland.

Folgen Sie dem alten Streckenverlauf der B3

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Und sie ist steinalt. Die B3 wurde bereits bei den Kelten als Handelsweg, bei den Römern als Heeresstraße für die Legionen benutzt. Römische Pflastersteine wurden zufällig in den 50er-Jahren bei Kanalarbeiten entlang des Odenwalds ausgebuddelt und sind heute in Heppenheim ausgestellt.

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Hier und da stehen entlang ihres Verlaufs verwitterte Meilensteine (bei Schloss Marienburg in Niedersachsen) und Wachtürme, wie etwa der Wartturm von 1589 in Weingarten bei Bruchsal. Damals wurde für ihre Straßenbenutzung ein Zoll erhoben, heute abgelöst von der Lkw-Maut.

Längst wird die B3 an vielen Orten auf Umgehungsstraßen vorbeigeleitet oder mündet in Schnellstraßen und Autobahnen wie bei Marburg oder auch Soltau. Oft trägt sie dann den Namen Bundesstraße 3n oder 3a.

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Reizvoller ist es, ihrem alten Streckenverlauf zu folgen. Auf alten Verkehrsschildern ist die „3“ nur überklebt, Straßennamen wie „Frankfurter Straße“ erinnern an den einstigen Fernweg.

Eine Fernstraße des Wirtschaftswunders

Wenn man es genau betrachtet, ist die Bundesstraße 3 heute, nicht nur geografisch gesehen, das westdeutsche Gegenmodell zur ostdeutschen B96, jener Bundesstraße, die von Zittau in Sachsen über Berlin nach Rügen verläuft, für DDR-Nostalgiker die Traumroute des Ostens.

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Die B3 indes war eine Fernstraße des Wirtschaftswunders – und an vielen Stellen wirkt sie wie auf diesem Stand konserviert. Es lohnt sich, einmal von der Autobahn abzufahren für eine liebenswerte Retro-Tour „über die Dörfer“ entlang der B3.

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Wie etwa in der Lüneburger Heide bei Schneverdingen: Hier gibt es Heidschnuckenbraten in den Gaststätten und Bio-Heidehonig am Straßenrand, Cafés, die noch immer „Draußen nur Kännchen“ anbieten, dafür aber riesige Tortenstücke auf die Teller wuchten, Stachelbeerschmand mit Sahne, von der Großmutter frisch gebacken.

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Landgasthäuser mit 60er-Jahre-Interieur, Ohrensesseln, Nierentischchen, gehäkelten Tischdeckchen und diesen dicken hölzernen Schleuderstäben an den stocksteifen Gardinen, damit die Vorhänge schön ordentlich senkrecht sitzen.

Motorradfahrer lieben die berühmt-berüchtigten Schedener Haarnadelkurven von Göttingen nach Hannoversch Münden. Radler schätzen den neuen romantischen Radweg neben der B3, die sich entlang des Fuldatals unter Alleebäumen weiter bis nach Kassel schlängelt.

„Hier fängt Deutschland an, Italien zu werden“

Die B3 bietet auch ein echtes Stück musikalische Zeitgeschichte. Im hessischen Bad Nauheim ehren die Besitzer vom „Hotel Grunewald“ das original erhaltene Zimmer 10 aus den 1950ern, weil dort damals der „King of Rock ’n‘ Roll“ für ein paar Monate wohnte. Elvis Presley pendelte Ende 1958 auf der B3 mit seinem BMW 507 zwischen Hotel und der Kaserne in Friedberg hin und her.

Wuchtige Möbel, Wandspiegel, goldverschnörkelte Bilderrahmen, kratziger, rosa-gemusterter Sesselbezug, ein Bad mit Blumenfliesen und – legendär – der original erhaltene schwarze Klodeckel auf dem WC. 50er-Jahre-Schick.

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Am Odenwald, weiter südlich, wird die B3 zur touristischen Ferienstraße. Zwischen Darmstadt und Wiesloch trägt sie auf gut 68 Kilometern den Namen Ferienstraße Bergstraße, verläuft am Fuß des Odenwaldes und zumeist etwas oberhalb der Rheinebene.

An ihren Hängen blühen Mandelbäume und wächst hervorragender Wein, dank des milden und sonnigen Klimas und des fruchtbaren Lößbodens. Selbst Feigen gedeihen hier prächtig. Kaiser Joseph II. (1765–1790) soll bei einer Rast an der Bergstraße ausgerufen haben: „Hier fängt Deutschland an, Italien zu werden“.

Ein Fotograf zeigt uns den Charme der Bundesstraße

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Kulinarisch geht die B3 auch zu Ende. Rastpause an den Holzkarren („Zweschtgen-Schäs“) voller Bühler Zwetschgen, die die Händler am Straßenrand im Markgräflerland hinter Rastatt verkaufen. In lang gezogenen Kurven vorbei an Streuobstwiesen, auf Anhöhen mit Blick auf die Rheinebene, durch Freiburg bis Weil am Rhein, wo sie am Grenzübergang zur Schweiz nach Basel endet.

Ihr größter Fan ist der in München lebende Fotograf Wolfgang Groeger-Meier, der wie ich nahe der niedersächsischen B3 aufgewachsen ist. Er war seit 2017 immer wieder mit seinem mintgrünen BMW-Oldtimer, Baujahr 1975, auf dieser „Traumstraße“ monatelang unterwegs.

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Sogar einen Blog (bundesstrasse3.de) und ein Buch hat er ihr gewidmet: „Lockruf des Südens“ (Corso Verlag). Das BMW-Museum in München zeigt bis September 2019, ungesponsort übrigens, in der Sonderausstellung „Traumstraße B3“ Fotos zur Reise – und natürlich den mintgrünen Oldtimer BMW 2002 von 1975.

Wolfgang Groeger-Meier sagt: „Für mich ist sie die deutsche Route 66.“ Er fuhr sie mit Freunden Kilometer für Kilometer ab, „auf einer Traumstraße in Richtung Sonne. Denn gleich hinter Buxtehude fängt die Sehnsucht an. Die Strecke ist abwechslungsreich, weil die Menschen, die dort leben, sie dazu machen.“

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Liebeserklärung

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Er entdeckte handgemalte Werbung auf Hausfassaden wie am „Hotel zur Post“ in Bad Schönborn, Reklame für eine „Berg Bräu Brauerei Leinem“, die schon lange dichtgemacht hat. Doch die Fassadenreklame hat überlebt.

Er besuchte die Stettfelder Mühle im badischen Ubstadt-Weiher. Kornelia Dewald führt die Mühle zusammen mit ihren Geschwistern in dritter Generation und erzählt von der Familie und dem Standort an der B3.

In einer Garage neben der Stettfelder Mühle braut ein Polizist Bier. Matthias Prestel hatte 1995 damit begonnen und nannte es PB Prestelbräu; aus dem Hobby wurde eine richtige Brauerei mit Pils und Dunkelbier, die er heute zusammen mit Dieter Harlacher betreibt.

Übrigens: Auch Wolfgang Groeger-Meier hat noch nirgends so viele alte Kaugummiautomaten gesehen wie an der B3. Es muss an ihrem Retro-Flair liegen.

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Dieser Artikel wurde erstmals im Juli 2019 veröffentlicht.

Er stammt aus der WELT AM SONNTAG. Wir liefern sie Ihnen gerne regelmäßig nach Hause.

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Author: Kelle Weber

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